Die Seele ist eine Mimose

Es gibt nichts was empfindlicher ist und empfindsamer, als die Seele selbst.
Jede Gewalteinwirkung liquidiert sie mit Rückzug.
Es dauert Jahrtausende, bis die Seele endlich einmal ein bisschen aus ihrem Kokon schlüpft, um sich die Welt etwas genauer anzusehen.
Bis dahin verbringt sie ihre Zeit damit, von niemandem gesehen und gehört zu werden, weil sie aufgrund dieser Totstellung die wenigste Gewalt von allen anderen zu erwarten hat.
Je weniger Gewalt um sie herrscht, je schneller traut sich die Seele aus ihrem Versteck.
Sie hat die allerfeinsten Sensoren und spürt jegliche Form der Gewalt sofort.
Um nicht sofort von jedem in ihrem Umfeld totgeschlagen zu werden, passt sie sich den momentanen Umständen so gut es ihr möglich ist an.
Dadurch verliert sie sich selbst.
Sie ist nicht mehr der Mensch, der sie sein will, sie ist der Mensch, der am wenigsten totgeschlagen wird.
Jede Gefühlregung des Gegenübers wird sofort analysiert und kategorisiert und dementsprechend verhält sie sich dann auch.
Ist das Gegenüber gewalttätiger wie sie selbst, passt sie sich an, ist es friedfertiger, lässt sie die Sau raus.
Alle Demütigungen die ihr selbst widerfahren sind, bekommt dann der Friedfertigere von beiden ab.
Deshalb ist es für sie ratsamer, sich mit friedfertigeren Energie zu umgeben, was jedoch bei steigender Entwicklung immer schwieriger wird.
Am Ende ihres Weges ist sie der Prügelknabe für alles und jeden.
In einer vollkommenen Anpassung versucht sie so, jedem Streit aus dem Wege zu gehen.
Selbst schon Harmonie anstrebend, wird sie so zum Spielball aller anderen.
Muss all die Demütigungen und Erniedrigungen ihrer Weggefährten ertragen.
Sie selbst weiß gar nicht mehr, wer sie eigentlich ist.
Erst wenn sie einem Menschen begegnet, der noch friedfertiger wie sie selbst ist, fängt sie an, ihren Zorn zu leben.
Lässt all den Unmut über ihre Vergewaltigung freien Lauf.
Damit will sie sich selbst beweisen, dass sie nicht tot ist.
Will die ganze Unterdrückung von sich abschütteln, indem sie genauso agiert wie ihre Unterdrücker.
Sie kennt es nicht anders.
Sie weiß nicht, wie sie aus diesem Teufelskreis herauskommen soll.
Niemand in ihrem Umfeld lebt auch nur im Ansatz wahre Liebe.
Auch sie nicht.
Sie fühlt sich einsam, verlassen und tot.
Über Jahrtausende hinweg.
Jegliche Kommunikation mit allen anderen ist nur ein Machtkampf um die Vormachtstellung.
Kein Wort ist wahr, klar und rein.
Alles Worte die auf Illusionen und Lügen basieren.
Je mehr Gewalt um sie herrscht, je verschlossener ist sie.
Die gelebte Gewalt in ihrem Umfeld hält sie von sich selbst fern.
Als angespasstes Kind, hält sie so den Tod für das Leben.
Glaubt es so, allen recht machen zu können, nur sich selbst nicht.
Selbst als Gewalttätigste von allen, erfährt sie keinen Frieden.
Auf diesem Weg geht es nicht weiter.
Also geht sie wieder zurück und versucht es anders.
Versucht es mit weniger Gewalt.
Das macht sie durchlässiger für andere Wahrheiten.
Für Wahrheiten die hinter der Maskerade stecken.
Sie liebt diese Stimmen, die sanftmütiger sind und warmherziger als alles andere, was sie
jemals als Mensch erfahren hat.
Sie liebt die Weisheit hinter den Prophezeihungen und den Visionen.
Sie fängt an, ihnen zu vertrauen.
Sie erkennt die Größe dahinter.
So nabelt sie sich immer mehr von ihrem ehemaligen Umfeld ab, um immer weiter in diese
neue Dimension einzutauchen.
Besucht sie fast täglich in ihren Träumen.
Stärkst sich dadurch immer mehr.
Am Ende ist sie ein großer Teil von ihr, mit dem sie mehr gemein hat, als alles, was es auf der Erde zu finden gibt.
In einem Akt der Gnade, wird sie so zu einem neuen Menschen, vorerst.
Noch ist ihr Weg nicht zu Ende.
Erst als sie sich selbst gegenübersteht, ihrem Geist, der ihre Ergänzung ausmacht, fängt sie wirklich an sich zu erinnern.
Zu erinnern, wer sie wirklich einmal war, in all ihrem Glanz, ihrer Reinheit und allumfassenden Liebe.
Ausgelöst durch das Zusammentreffen mit sich selbst.
Mit dem was sie im Ursprung allen Seins immer war.
Erst dadurch kann sie den Kreislauf des Todes wieder verlassen.
Durch die ewige Gnade des ewigen Seins.