Der verirrte Käfer

Heute hatte ich das Gefühl mir eine Tanne kaufen zu müssen.
Zuerst war ich in dem Gartencenter in der Nähe meines Wohnortes, doch die hatten nur noch eine der bestimmten Sorte für sehr viel Geld.
Dann klapperte ich telefonisch die Gartencenter in der nächstgrößeren Stadt ab und als ein Verkäufer mir mitteilte, dass sie von dieser Sorte in sämtlichen Größen und Preiskategorien welche da hatten, war das mein Stichwort.
In der größten Schwüle überhaupt die ich in einer Bahn jemals messen konnte, setzte ich mich in ebenjene und dachte kurzzeitig, dass ich es nicht bis zum Zielbahnhof schaffen würde.
Mit nassem Schal, den ich mit Mineralwasser tränkte und mir in den Nacken legte, erhöhten Füssen und einem fast Nickerchen, kam ich dann doch noch an.
Wenn es eine gewisse Tanne zu einem gewissen Zeitpunkt sein muss, dann muss es eben sein.
Mit Feilschen und dem dazugehörigen Preisnachlass und ohnehin die Billigste die ich überhaupt fand, konnte ich mir sie dann auch leisten.
So fuhr ich dann mit der Bahn wieder zurück.
Es war bei Weitem nicht mehr so schwül wie bei der Hinfahrt und fast schon angenehm.
Als ich dann so in der Bahn ganz verliebt meine Tanne anvisierte, glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen.
Dort saß bereits jemand, der sie auch gern hatte.
Ein Käfer.
Ein Käfer, wie ich ihn zuvor nie gesehen hatte.
Das ging natürlich gar nicht.
Immerhin war es jetzt meine Tanne.
Ich rutschte sie sanft mit meinen Händen von der Tannennadel in meine Handfläche und schmiss sie zu Boden.
Dort saß sie erst einmal.
Kurz benebelt von dem Aufprall.
Dann ging es los.
Ich habe noch nie einen Käfer so schnell laufen sehen.
Die Füßchen gingen in einem Tempo, dass ich fast nicht nachkam mit dem Schauen.
Hin, her, hin, her.
Erst in die Richtung, dann in die Richtung.
Doch für den Käfer war dieser Boden Neuland.
Er war mit nichts zu vergleichen, was er bis dahin gesehen hatte.
Eine einheitlich graue große Fläche ohne Orientierungspunkte.
Kein vertrauter Geruch, kein vertrautes Aussehen, nichts.
Der Käfer kam sich vor wie in einem falschen Film.
Wie in einer anderen Welt.
Hinzu kamen dann auch noch die Erschütterungen der Bahn und die dazugehörigen Geräusche.
Der Käfer verstand die Welt nicht mehr.
Er konnte das alles nicht in sein vertrautes Weltbild einordnen.
Er wirkte vollkommen verloren.
Dementsprechend war auch seine Reaktion.
Mit seinem Hinterschwänzchen hielt er sich immer wieder mal an dem Boden fest, um dann tapfer wieder ein paar, nun weitaus unsichere Schritte zu machen, doch egal wo er hinlief, es änderte sich nichts.
Es blieb alles gleich.
Das resignierte ihn.
Nach einiger Zeit war von seinem anfänglichen überschwenglichen Laufen nichts mehr zu sehen, er machte überhaupt keine Schritte mehr.
Er blieb still an einer Stelle liegen und bewegte sich nicht mehr.
Ich hatte das Gefühl, er ließ sich zum Sterben nieder.
Dieses Elend konnte ich nicht mehr länger mit ansehen.
Ich wusste, dass ich sein einziger Erlöser in dieser Situation war.
Ich nahm also ein Blatt Papier und schob ihn sanft auf ebenjenes.
Mit anfänglichem Zicken seinerseits, gelang mir das dann auch.
Als die Bahn an einer Station Halt machte, ging ich zum offenen Fenster und schnippte ihn mit dem Finger vom Papier auf die Gleise.
Mehr konnte ich nicht für ihn tun.
Bis wir am Zielbahnhof angekommen wären, wäre er schon gestorben.
Ich wusste aber, dass er in dem, für den Menschen unwirtlichen Pflaster, so mitten in den Bahnschienensteinen, wieder Hoffnung schöpfen würde.
Ich war mir sicher, dass dies für ihn keine unwirtliche Landschaft war, sondern dass er diese Gerüche und diese Verhältnisse in der freien Natur kannte und die naheliegenden Pflanzen und sonst alles Vertraute wieder riechen und sich somit wieder orientieren konnte.
Für ihn konnte damit wieder sein altes Leben von Neuem beginnen.