1,5 Millionen Christen aus Irak vertrieben

Das nackte Leben retten

Die Nachrichten, die Majda (Name von der Redaktion geändert) derzeit aus ihrer Heimat Irak erhält, sind unbeschreiblich grausam. Die Christin, die in Metzingen lebt, bangt um ihre Familienangehörigen.

Majda und ihr Mann, die in einer kleinen Wohnung in Metzingen leben, lieben es, mit anderen Menschen Gemeinschaft zu haben und Kaffee zu trinken. Auch wenn sie sich von den Gedanken an den Irak und das Schicksal ihrer Verwandten und Freunde derzeit kaum ablenken können. "Dort ist die Hölle." Täglich warten sie auf Nachrichten per Telefon, im Fernsehen berichten arabische Sender Grauenvolles, die Nachrichten laufen fast ununterbrochen. Die IS, die Terrorgruppe Islamischer Staat, hat sich zum Ziel gesetzt, das Christentum im Irak und in der ganzen Region, sogar im gesamten Nahen Osten auszurotten und ein Kalifat zu errichten. Die Millionenstadt Mossul haben die Kämpfer erobert und weite Teile des Westirak. Was für uns fernab klingt, ist für irakische Christen wie Majda schreckliche Wirklichkeit.
Solche Videos kann man niemandem zumuten. "Das ist gestern in Mossul passiert", sagt Majdas Mann und zeigt auf sein Handy. Das gestartete Video zeigt in einer modernen Straße in Mossul auf Stangen aufgespießte Köpfe entlang des Straßenrands und malträtierte Torsos. Im Hintergrund läuft eine Stimme, die Koransuren rezitiert und auf arabisch ständig wiederholt, dass dies jedem passiert, der nicht an Mohammed glaubt. "Die Toten sind junge Christen, die gestern ermordet wurden. Die IS nimmt das per Handy auf und verbreitet es im Internet, sozusagen als Warnung, um Todes-Schrecken unter den Christen zu verbreiten." Das Wort Schreckensherrschaft ist wohl zu wenig, um zu beschreiben, was die Christen derzeit in den von der IS eroberten Gebiete erleben: Männer werden mit dem Schwert geköpft oder gekreuzigt, christlicher Besitz geraubt und der IS unterstellt. Unverheiratete junge Christinnen werden verschleppt und den islamischen Kämpfern für Sexdienste zur Verfügung gestellt.
Majda und ihre Familie hatten einmal ein gutes Leben. Die Christen zählten einst im Irak zu einer angesehenen Bevölkerungsgruppe, weil sie gebildet sind, gute Handwerker und Geschäftsleute und dadurch einen gewissen Wohlstand in jede Region brachten, in der sie lebten. In Mossul, wo Majdas Mutter herstammt, lebten Christen, Muslime, Yeziden, Juden einst in friedlicher Koexistenz zusammen. "Wir hatten keine Probleme untereinander", sagt Majda.
In Mossul, wo seit 2000 Jahren Christen leben, und das als Hochburg der chaldäischen, assyrischen und armenischen Kirchen gilt, gibt es inzwischen fast keine Anhänger Jesus mehr. Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass die IS den Christen offiziell ein Ultimatum gestellt hat: Zum Islam konvertieren, die so genannte Dschizya, die Kopfsteuer, bezahlen, oder getötet werden. "Den Christen bleibt nichts anderes übrig, als zu fliehen. An den Straßensperren nimmt die IS den Menschen alles ab, Geld, Gepäck, Schmuck und die Pässe und lässt sie zu Fuß weiterlaufen. Alte und Kinder sind ziellos unterwegs, sie haben nur noch ihre Kleidung am Leib." Was in den vergangenen Wochen über Medien an die Öffentlichkeit gesickert ist, kann Majda bestätigen: Christliche Häuser, Geschäfte und Wohnungen werden mit dem arabischen Buchstaben "N" gekennzeichnet, der für Nazarener steht, wie die Muslime im Irak die Christen bezeichnen. "Gestern konnte mein Neffe mich erreichen, nachdem tagelang die Telefonleitungen gekappt waren. Sie sind alle auf der Flucht, sie versuchen nur, ihr Leben zu retten."
Noch vor zehn Jahren lebten 1,5 Millionen Christen im Irak. Allein in Mossul gab es 30 Kirchen, die inzwischen großteils gesprengt sind. In der arabischen Umgangssprache erinnert der Name der Stadt noch an die große Vergangenheit, das alte biblische Ninive, Zentrum des einstigen assyrischen Reichs.
Majda und ihre Familie gehören der armenischen Kirche an, sprechen neben arabisch auch armenisch. Die Vorfahren flohen einst aus der Türkei und fanden im Irak eine neue Heimat. Jetzt sind die Verwandten und mit ihnen Zigtausende wieder auf der Flucht. Doch wohin? "Christen aus anderen Regionen öffnen ihre Häuser und nehmen Flüchtlinge auf. Aber es ist sehr gefährlich, unterwegs zu sein. Überall sind Straßensperren, überall ist die IS." Die irakischen Soldaten haben vor der IS schon längst kapituliert. "Sie versuchen verzweifelt, ihre Uniform los zu werden und zivile Kleidung anzuziehen. Denn die IS tötet auch die Soldaten", weiß Majda aus Erzählungen ihrer Verwandten.
Wieder sitzen Majda und ihr Mann an diesem Tag in der Nähe des Telefons und warten auf Nachricht von einer Schwägerin. "Wenn ich nichts höre, mache ich mir wahnsinnige Sorgen." Die Schwägerin war bis vor kurzem noch Schulleiterin, der Neffe arbeitete in der armenischen Gemeinde. Jetzt sind sie auf der Flucht. Irgendwo im Irak. Dort droht, fast unbeachtet von der Welt, dem Christentum die Auslöschung.

http://www.swp.de/metzingen/lokales/metzingen/Das-nackte-Leben-retten;art5660,2730980