Bio-Lebensmittel unter die Lupe genommen

Umwelt-Forum: Qualität von Bio-Produkten contra konventioneller Ware. Die Experten der Podiumsdiskussion von NDR 90,3 und Hamburger Abendblatt waren sich weitgehend einig: Produkte aus dem Ökolandbau sind weniger belastet und helfen der Umwelt.
Von ANGELIKA HILLMER

Eingangsfrage: Ist "bio"wirklich besser?
Lebensmittel aus ökologischem Anbau und artgerechter Tierhaltung sind ein aktiver Beitrag zum Klima- und Artenschutz und stützen eine personalintensive Landwirtschaft.
Prof. Ulrike Arens-Azevêdo, Ernährungswissenschaftlerin, Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW)
Die Beanstandungsquote der Lebensmittelkontrolle ist bei Bio-Lebensmitteln deutlich niedriger als bei konventionellen. Die durchschnittliche Rückstandsbelastung von pflanzlichen Öko-Produkten ist mindestens um den Faktor 200 geringer.
Dr. Thomas Kühn, Leiter Lebensmittelsicherheit im Hygiene-Institut
Bio-Lebensmittel sind besser, aber nicht sicherer. Die Öko-Landwirtschaft sorgt dafür, daß auch noch unsere Kindeskinder vernünftige Böden und Tierrassen vorfinden.
Roland Ferber, Leiter des Qualitätsmanagements bei Edeka, Beirat Bundesverband Verbraucherzentralen
Bio-Produkte sind frei von Gentechnik, von künstlichen Zusatzstoffen, von Pestizidrückständen.
Manfred Krautter, Greenpeace-Einkaufsnetz
Bio ist eine sehr gute Alternative, aber man sollte nicht sagen, das eine oder andere ist besser.
Heinz Wehmann, Chefkoch und Mitinhaber "Landhaus Scherrer"
Wie gut ist konventionelle Ware?
Wir haben im vergangenen Jahr 700 Proben analysiert. Deutschland ist zwar der billigste Lebensmittelmarkt in Westeuropa, aber dabei bleibt die Qualität auf der Strecke. Die Pestizidbelastungen haben in den vergangenen Jahren dramatisch zugenommen. Nach den offiziellen Zahlen haben sich im EU-Schnitt die Höchstwertüberschreitungen auf sechs Prozent verdoppelt. In Deutschland liegen die Zahlen bei sieben bis acht Prozent. Beim Greenpeace-Test fanden wir bei Edeka 15 Prozent Überschreitungen, bei anderen Ketten noch deutlich mehr.
Zudem kommt ein Großteil der Ware aus Intensiv-Anbauregionen im Ausland, zum Beispiel aus Spanien rund um Almeria. Dort spricht man vom Folienmeer - das sind zerstörte Gegenden. Auch die Arbeiter leiden. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation vergiften sich jährlich 28 000 Menschen mit Pestiziden tödlich.
Manfred Krautter
Kontrolliert der Staat überhaupt nicht mehr?
Die Hamburger Lebensmitteluntersuchung kostet jedem Bürger der Stadt knapp 3,50 Euro im Jahr. Wir wären gern besser ausgestattet, würden gern mehr testen. Aber die Lebensmittelhersteller sind auch zur Eigenkontrolle verpflichtet und verantwortlich dafür, daß ihr Produkt in Ordnung ist. Sie dürfen nicht geduckt warten, bis der Staat etwas findet.
Thomas Kühn
Muß ich Gesundheitsschäden fürchten, wenn Pestizid-Höchstwerte überschritten sind?
Zu 98 Prozent ist eine Überschreitung immer noch weit weg von einer akuten Schädigung. Wenn akut problematische Dosen überschritten werden, müssen Behörden eine EU-Warnung aussprechen, andere Länder und Bundesländer informieren. Das ist bislang erst selten erfolgt.
Thomas Kühn
Dadurch daß wir zuviel Fett verzehren, erkranken deutlich mehr Menschen als jemals durch Pflanzenschutzmittel.
Ulrike Arens-Azêvedo
Wenn ich mit Olivenöl oder einem kaltgepreßten Öl brate, habe ich mehr Schadstoffe in der Pfanne, als wenn ich mal vergesse, meine Tomate zu waschen.
HEINZ WEHMANN
Lassen sich Pestizidrückstände abwaschen?
Wir untersuchen die pflanzlichen Lebensmittel so wie sie vom Marktstand kommen, mit Schale. Dabei dürfen die Höchstmengen nicht überschritten sein. Jedes Lebensmittel sollte bei der Zubereitung generell abgewaschen werden. Dabei lassen sich zum Beispiel Fungizide gut entfernen. Dies sind Spritzmittel gegen Schimmelpilze, die kurz vor der Ernte auf Paprika oder Weintrauben, die lange Wege vor sich haben, aufgebracht werden. Komplett werden Rückstände durch Waschen aber nicht beseitigt.
Thomas Kühn
Wie weit dringen Pestizide in Obst und Gemüse ein?
Mittel, die von außen angewendet werden, sitzen auf oder in der Außenhaut. Aber es gibt auch wasserlösliche Wirkstoffe, die über die Pflanzenwurzel aufgenommen werden; sie sind innerhalb der Pflanze. Es gibt beides. Ich kann Sie da nicht erlösen.
Thomas Kühn
Was kann man tun, umwenig belastete konventionelle Ware zu kaufen?
Wir arbeiten sehr saisonal und mit Lieferanten unseres Vertrauens. Und um auf die Paprika zu kommen: Ziehen Sie die Haut doch einfach ab. Kurz blanchieren oder im Ofen anrösten, bis sie gar ist, abziehen, fertig. Heinz Wehmann
Edeka hat direkte Verträge mit Kooperativen und Landwirten. Wir machen vor Ort Kontrollen, noch bevor das Obst und Gemüse geerntet wird. Produkte, die Höchstmengen überschreiten, nehmen wir gar nicht erst an.
Roland Ferber
Natürlich kann man auch gute konventionelle Ware finden - es muß nicht immer die billigste sein. Bei Billigware geht man ein gewisses Risiko ein. Die beste Alternative ist frische Saisonware aus der Region.
Thomas Kühn
Wenn ich spanische Bio-Paprika kaufe, bekomme ich wirklich Bio-Ware?
Die Bio-Anbauverbände haben eigene, sehr gründliche Kontrollsysteme. Dazu kommen behördliche Betriebskontrollen. Das umfassende Bio-Monitoring, das Baden-Württemberg macht, und unsere Untersuchungen zeigten, daß der Begriff "bio" das Vertrauen zu Recht genießt.
Manfred Krautter
Kann man darauf vertrauen, daß eine Bio-Gurke aus Bulgarien wirklich bio ist?
Bio-Produkte aus Nicht-EU-Ländern dürfen hier nur auf den Markt kommen, wenn sie aus einem von der EU anerkannten Öko-Betrieb stammen. Es wird immer wieder über Hamburg türkische Bio-Paprika eingeführt, die wir untersuchen. Sie ist astrein.
Thomas Kühn
Was ist der Unterschied zwischen einer normalen und einer Bio-Banane?
Da die Pestizide auf der Schale sitzen, mag es bei der Rückstandsbelastung der eßbaren Frucht keine großen Unterschiede geben. Der größte Effekt liegt im Anbauland: Auf konventionellen Plantagen wird sehr intensiv gespritzt. In Costa Rica sind Flüsse und Grundwässer sehr stark mit Pestiziden belastet. Es gibt sehr viele Unfälle mit den Arbeitern. Selbst die Korallenriffe vor der Küste gehen durch die Pestizide aus dem Bananenanbau ein.
Manfred Krautter
Dürfen Bio-Lebensmittel Zusatzstoffe enthalten?
Ihre Anzahl ist sehr gering, und es sind meist nur Zusätze, die man zum Andicken benutzt, wie Stärke.
Ulrike Arens-Azêvedo
Wie schädlich sind die Zusatzstoffe in konventionellen Fertigprodukten?
Die Stoffe müssen zugelassen sein, und das werden sie nur, wenn sie nach Meinung von Experten nicht gesundheitsschädlich sind. Die 300 in der EU zugelassenen Stoffe sind sehr unterschiedlich. Darunter sind welche wie die Azo-Farbstoffe, die durchaus Gesundheitsgefährdungen auslösen können - zum Beispiel durch ein hohes allergenes Potential. Auch auf Glutamat reagieren einige Menschen sehr empfindlich.
Ulrike Arens-Azêvedo
Wer mit zusammengesetzten Lebensmitteln Probleme hat, der sollte möglichst die einzelnen Komponenten kaufen und selbst kochen. Da sind Sie auf der sicheren Seite.
Thomas Kühn
Öko-Mehl ist von konventionellem Mehl chemisch nicht zu unterscheiden. Bio-Produkte sind weder gesünder noch schmackhafter.
Wenn man sich die ernährungsphysiologische Qualität, also den Gehalt an Vitaminen, Mineralstoffen oder energiereiche Stoffen, anschaut, so gibt es keine einzige Studie, die einen wesentlichen Unterschied feststellte. Aber im Öko-Landbau und in der artgerechten Tierhaltung werden häufig Sorten und Rassen eingesetzt, die eine andere Zusammensetzung haben. Ein so fürchterlicher Apfel wie den Granny Smith hat einen anderen Gehalt an Vitaminen, Geschmacks- und Aromastoffen als ein schöner alter Cox oder Boskop. Zudem gibt es die hochinteressante Gruppe der sekundären Pflanzenstoffe. Sie sind erst wenig erforscht und gelten als gesundheitsfördernd. Gerade in den alten Sorten sind sie enthalten.
Ulrike Arens-Azêvedo
Schmecken nicht doch Bio-Produkte besser?
Unsere Geschmackswahrnehmung läuft stark über den Kopf. Wenn ich weiß, daß ich ein Bio-Produkt esse, dann schmeckt es mir plötzlich besser. Und oft sind die Sorten, die biologisch angebaut werden, geschmacksintensiver.
Ulrike Arens-Azêvedo
Wenn wir dem Erzeuger einen Superpreis für eine gute Qualität zahlen, dann bekommen wir auch im konventionellen Bereich eine Top-Ware.
Heinz Wehmann
Derjenige, der schon einmal ein Bio-Steak gegessen hat, wird es immer wieder kaufen. Es hat eine sehr gute Qualität. Die Tiere wachsen anders auf. Beispiel: Ein konventionelles Hähnchen lebt 30 Tage, ein Bio-Hähnchen 56. Es liefert in der Qualität, von der Festigkeit ein besseres Produkt.
Roland Ferber
Bei Stiftung Warentesthat selbst Bio-Öl schlecht abgeschnitten. Wie soll ich da Vertrauen haben?
In diesem Fall sind Weichmacher aus Abfüllschläuchen im Öl aufgetaucht. Da haben die Bio-Hersteller, aber auch die anderen Hersteller nicht aufgepaßt. So etwas kann man nicht gänzlich ausschließen. Es ist aber ein Skandal.
Manfred Krautter
Sind biotechnologische Verfahren in der Zucht von Bio-Sorten erlaubt?
Gentechnik ist im Bio-Bereich verboten. In Untersuchungen sind zwar Spuren gefunden worden, aber dies waren Verunreinigungen durch benachbarte Felder mit gentechnisch veränderten Pflanzen.
Ulrike Arens-Azêvedo
Moderne Biotechnologien darf ein Biozüchter nicht einsetzen, nur das klassische Kreuzen. Alle Handelsorganisationen haben keine Produkte gelistet, die nach dem Gentechnikgesetz kennzeichnungspflichtig sind. Es gibt noch Kennzeichnungslücken. Ich unterstütze die Intention der Verbraucherzentralen, alles zu deklarieren, was man deklarieren kann, zum Beispiel Futtermittel. Die Edeka Nord hat durchgesetzt, daß unsere Schweine kein Gentechnik-Futter erhalten.
Roland Ferber
Die Bio-Branche braucht die Gentechnologie gar nicht, sie geht ganz andere Wege. Sie setzt auf robuste alte Sorten und Rassen und erhält dadurch eine genetische Vielfalt. Der Öko-Anbau bewahrt, was sich über Jahrhunderte bewährt hat. 

http://www.abendblatt.de/ratgeber/wissen/umwelt/article786925/Bio-Lebensmittel-unter-die-Lupe-genommen.html